Das persönliche Blog von André Reichelt

Der digitale Radiergummi

Und er ist wieder in aller Munde: Der digitale Radiergummi. Gemeint ist damit eine Möglichkeit für Internetnutzer, in der Vergangenheit veröffentlichte Daten aus dem Netz zu tilgen. Begründet wird diese Maßnahme oft mit einem propagierten „Recht auf Vergessen.“

Wir leben in einer sich ändernden Zeit, in einer Zeit mit achthundert Millionen Facebook-Nutzern, in der unzählige Menschen soziale Netzwerke verwenden und selbst intimste Fakten über sich hier vor der ganzen Welt preisgeben. Leichtsinnig werden hier gerne auch Daten verbreitet, die man im Nachhinein lieber schnell wieder in die ewigen Jagdgründe befördert haben möchte.

Die Verlockung ist daher groß eine Art Radiergummi zu entwickeln, mit dem man zu jedem Zeitpunkt jedwede veröffentlichte Information über sich wieder aus dem Selbigen tilgen kann. Doch so einfach diese Lösung scheint, so unmöglich ist deren Umsetzung!

Daten über sich in einem sozialen Netzwerk zu veröffentlichen ist nicht vergleichbar damit, diese seinen Freunden preiszugeben. Leider suggeriert gerade Facebook, dass dies so wäre. Tatsächlich sind die Informationen aber, wenn auch gelegentlich über Umwege, für jeden einsehbar. Dies sind, und das muss man an dieser Stelle bedenken, eben nicht nur Menschen sondern auch Suchmaschinen, die diese Daten sammeln und auswerten, und es sind auch Menschen, denen man diese Informationen oft am liebsten verschweigen möchte. Außerdem vergessen Menschen nach einer gewissen Zeit, was man ihnen erzählt hat – für eine Suchmaschine gilt dies nicht.

Und so liegt die Lösung des Problems nahe: Wir versehen Daten mit einem Verfallsdatum oder einer Option, diese auf Wunsch vollumfänglich zerstören zu können. Das Prinzip kennt man aus alten Agentenfilmen, in denen sich das Band, auf dem geheime Informationen gespeichert sind stets nach dem Abspielen selbst zerstört.

Doch wie könnte man so etwas im Internet technisch umsetzen? Es gab dazu bereits versuche mit speziellen Datenformaten, die ein einprogrammiertes Verfallsdatum hatten. Die Datei war in einem verschlüsselten Container gespeichert und konnte nur bis zu einem bestimmten Tag entschlüsselt werden. Abgesehen davon, dass es für den Computer immer genau so spät ist, wie ich es als Nutzer eingestellt habe, hat diese Methode den Nachteil, dass ich spezielle Programme benötige um die Daten zu entschlüsseln. Selbst dann kann ich mir von dem Destillat eine unverschlüsselte Kopie anfertigen und diese auch nach Ablauf des „Verfallsdatums“ wie gewohnt weiter verwenden. Folglich wäre eine Methode auf Basis eines speziellen Dateiformats weder praktikabel noch erfolgreich.

Eine weitere Möglichkeit bestünde darin die Plattformbetreiber dazu zu verpflichten, auf Wunsch die Daten vollumfänglich zu löschen. Allerdinge ergeben sich auch bei dieser Methode mindestens zwei Fallstricke. Der erste davon ist recht offensichtlich: Sowohl der deutsche, wie auch der europäische Rechtseinflussbereich ist begrenzt. Selbst wenn dies als europäische Richtlinie durchgesetzt werden könnte läge eine weltweite Umsetzung im Gutdünken der Betreiber. Dieser könnte frei entscheiden, ob er sich an das europäische Gesetz halten möchte, oder nicht.

Nicht ganz so offensichtlich ist, dass die Informationen während der Zeit der Veröffentlichung natürlich wieder öffentlich einsehbar sind und daher von jeder beliebigen Person vervielfältigt werden könnte. Hier ist nicht nur an eine einfache Weiterveröffentlichung eines peinlichen Partybildes zu denken, sondern auch, dass dieses im Giftschrank verschwindet und zu passender Situation wieder aus diesem geholt wird, um der Person zu schaden.

Aus der Sicht eines Realisten mit fachlichem Hintergrundwissen kann ein solches Vorhaben nicht glücken, wie hehr auch die Idee und die Überlegung sein mag. Ich möchte diesen Artikel allerdings nicht abschließen ohne eine Lösung anzubieten.

Was ist denn dieses ominöse „Recht auf Vergessen“ überhaupt? Gibt es das überhaupt, finden wir es außerhalb des Internets? Mit der Zeit vergessen wir, was wir gelernt haben, dass wir einen Streit hatten, dass wir einen schönen Moment erlebten. Auch die Menschen um uns herum tun dies, doch ist es unser verbrieftes Recht, dies von ihnen zu verlangen? Erst kürzlich durfte Bundespräsident Wulff spüren, dass es kein „Recht auf Vergessen“ gibt und dass in einer günstigen Situation jeder sein Giftschränkchen durchsucht nach Tatsachen, mit denen man eine verhasste Person sprichwörtlich in die Pfanne hauen kann. Von einem „Recht auf Vergessen“ kann also keine Rede sein; es ist zwar Praxis, dass vergessen wird, jedoch besteht keine Garantie.

Wie so oft ist hier der erste Schluss Wegweiser zu einem Irrweg. Mit einer einfachen Lösung kann diesem komplexen Problem nicht gedient werden. Erforderlich ist ein Umdenkprozess, der zwei Komponenten miteinander vereint.

Auch bei diesem Problem gilt, dass man sich zunächst an die eigene Nase fassen sollte. Oft entscheiden wir selbst, welche Informationen wir über uns verbreiten. Hier kann es helfen darüber nachzudenken, ob ich meine Partybilder tatsächlich mit der ganzen Welt teilen möchte. Noch vorsichtiger habe ich dann zu sein, wenn es nicht um Bilder von mir sondern um Bilder von Freunden geht, oder wenn gar Dritte versehentlich mit auf ein Bild geraten sind. Gleiches gilt auch für Texte, die ich verfasse. Man sollte sich stets folgende Frage stellen: „Würde ich das auch bedenkenlos laut auf einem bevölkerten Marktplatz herausschreien, wo es jeder hören kann?“ Wenn nicht, dann sollte man es besser für sich behalten.

Kommen wir zum zweiten Punkt: Saufgelage gab es zu jeder Zeit, heute hat allerdings jeder ein Mobiltelefon dabei und teilt die Ereignisse mit der ganzen Welt. Personalabteilungen durchforsten das Internet nach privaten Informationen über ihre Bewerber und meiden diejenigen, die eine „beschwipste“ Vergangenheit aufzuweisen haben. Aber ist es nicht so, dass die meisten Erwachsenen, gleich welchen Alters, in ihrer Jugendzeit ab und an etwas übertrieben haben, als sie die Discos besuchten oder Bierbänke drückten?

Das „Recht auf Verzeihen“ – wir können es auch ohne technische Hilfsmittel und auf ehrliche Weise umsetzen. Statt die Informationen scheinheilig unter den Tisch kehren zu wollen müssen wir schlicht Redlichkeit walten lassen, uns gegenseitig aufrichtig Fehler eingestehen und nicht zuletzt andersartige Lebensweisen akzeptieren.

Wir stehen vor völlig neuen Herausforderungen in einer Welt in der morgen das als überholt gilt, was gestern noch eine unumstößliche Wahrheit war. Mit Denkstrukturen aus dem letzten Jahrtausend kann man in dieser Welt nicht bestehen. Neue Herausforderungen erfordern neue Ansätze und das Überdenken alter Paradigmen. Wir leben in einer Welt, in der man Fehler der Vergangenheit nicht durch einen großen roten Knopf aus der Welt schaffen kann, in der man nicht mehr jede Kriese aussitzen kann, bis sich keiner mehr daran erinnert.

Ehrlichkeit, Bedacht, der Mut eigene Fehler einzugestehen und die Kraft, Fremden Fehler zu verzeihen, sind Eigenschaften, die wir noch verinnerlichen müssen um in der neuen Zeit zukunftsfähig zu bleiben. Ein digitaler Radiergummi wird uns das nicht erleichtern.

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Kommentare zu: "Der digitale Radiergummi" (1)

  1. Toller Blog, mundet mir.

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