Das persönliche Blog von André Reichelt

Lebenswirklichkeiten

Die Kirche entfremdet der Lebenswirklichkeit. Die Lebenswirklichkeit entfremdet der Kirche. Wir leben in einem Land, in dem sich rund sechzig Prozent der Menschen dem Christentum zugehörig fühlen – zumindest auf dem Papier, denn der Löwenanteil dieser wird sich wohl eher der Gruppe der Feiertagschristen zugehörig fühlen, also derer Menschen, die nur an Weihnachten und Ostern dem Gottesdienst beiwohnen. Jedes Jahr sinkt die Zahl der Kirchenmitglieder um einen halben Prozentpunkt. Dies lässt den Schluss zu, dass die Kirche in der Lebenswirklichkeit des Deutschen im 21. Jahrhundert eine immer geringere Rolle spielt.

Bis heute jedoch hat die Kirche das Recht, in die Lebenswirklichkeit auch Derjeniger vierzig Prozent der Deutschen einzugreifen, die sich ihrer nicht zugehörig fühlen. Die Meisten von uns vernehmen das vornehmlich positiv, denn über die christlichen Feiertage, die sich dadurch ergeben beschweren sich allerhöchstens Geschäftsleute, die an diesen Tagen ihre Betriebe geschlossen halten müssen. Durch Aktionen der Grünen und Piraten am vergangenen Karfreitag wurde jedoch eine Repressalie in das öffentliche Bewusstsein gerückt, welche vielen Leuten bisher nur beiläufig oder gar nicht bekannt war: Das Tanzverbot an den so genannten stillen Tagen.

Je nach Bundesland gestaltet sich dies recht unterschiedlich. Neben dem schieren Tanzen bleiben in manchen Bundesländern auch Volksfeste geschlossen oder es sind gar sämtliche musikalischen Darbietungen polizeilich untersagt. Außerdem herrscht offenbar mancherorts ein generelles Demonstrationsverbot.

Des Deutschen liebe Beschäftigung ist es, sich über die Defizite anderer Länder und deren Bevölkerung zu echauffieren. Gerne müssen hier die „Schurkenstaaten“ in Nahost als Sündenböcke herhalten, die von Allahs Hand rigide geführt werden. Was hat das mit unserer säkularen Demokratie zu tun? In wie vielen Ländern wird es wohl ein polizeilich durchgesetztes Tanzverbot geben? Man kann es an zwei oder drei Fingern abzählen, je nachdem, ob man Informatiker ist, oder nicht. Doch welche Länder sind das? Die USA vielleicht, wo den Kindern mit dem Paddle der Kreationismus eingeprügelt wird? Falsch gedacht! Zunächst einmal sind wir in der guten Gesellschaft unserer Schweizer Nachbarn. Als dritter im Bunde gesellt sich der Iran zu uns. Welche Ironie: Die Einen, die den Bau von Minaretten verbaten, die Anderen, die die Christen verfolgen und mittendrin der Deutsche Michel, dessen Land in seiner Schreckensphantasie ständig von der Islamisierung bedroht ist. Gottesstaaten geben sich die Klinke in die Hand!

Deutschland, ein Gottesstaat? „Aber wir haben doch die Trennung von Staat und Kirche!“, mag sich jetzt der Leser denken. Doch leider ist es damit nicht weit her, denn der Einfluss der christlichen Kirchen in Deutschland reicht bis in den letzten Winkel der Politik hinein. Dies fängt an bei dem Privileg der über das Finanzamt eingezogenen Kirchensteuer, welches nur für die großen Landeskirchen gilt, geht über die Einladung von Kirchenvertretern in Ausschüsse und Beratungsorgane und endet bei Formulierungen wie in der Landesverfassung Baden-Württembergs, in der Schüler „in Verantwortung vor Gott“ und „im Geiste christlicher Nächstenliebe“ zu fördern sind.

Sicher, auch das Argument der Kirchen muss hier seinen Platz finden, denn durchaus leisten auch diese ihren Dienst an der Gesellschaft, indem sie von staatlichen Zahlungen mitunter Kindergärten und andere soziale Einrichtungen finanzieren. Doch genau hier liegt die Crux, denn das Geld fließt vom Staate einerseits, von der Kirchensteuer andererseits an die Kirchen. Fallen diese Zahlungen eines Tages weg, wird unser Sozialsystem daran nicht zerbrechen, denn das Geld kann auch direkt und ohne Umweg über den Kirchensäckel in die Sozialeinrichtungen fließen, wohl aber werden die großen Landeskirchen ein ernsthaftes Finanzierungsproblem bekommen, wenn sie plötzlich ihre Gelder eigenständig eintreiben müssen. Und der Tag wird kommen, denn die Kirche entfremdet sich immer mehr von der Lebenswirklichkeit der Menschen – und die Menschen von der Kirche.

Ich spreche mich aus für eine umfassende Entflechtung von Kirche und Staat. Immer weniger Menschen in Deutschland fühlen sich dem Christentum verbunden – und ich halte es für eine Zumutung, diesen Menschen vorzuschreiben, sich an den christlichen Kalender und die kirchlichen Gebote zu halten. Wenn wir die aktuellen Zahlen linear approximieren, wird im Jahre 2030 jeder zweite Deutsche sich nicht mehr dem Christentum verpflichtet fühlen, dennoch hätte er sich diesem unterzuordnen.

Kein Gläubiger ist in der Pflicht, an einem Fastentag in die Diskothek zu gehen, Musik zu hören oder zu tanzen. Keinem gläubigen Wirt wird das Recht verwehrt, an Feiertagen seiner Konfession seinen Schankbetrieb aufrecht zu erhalten. Wäre man konsequent, müsste man am Karfreitag nicht nur das Tanzen verbieten sondern auch den Verzehr von Fleisch unter Strafe stellen und dies dann auch polizeilich forcieren. Die Freiheit des Einen reicht bis an jenen Punkt, an dem die die Freiheit der Anderen tangiert. Hier jedoch maßt sich eine Interessensgemeinschaft, bald auch eine Minderheit, an, über die Freizeitgestaltung Aller zu diktieren.

Ich glaube an etwas Höheres, bin Christ, doch die Kirche ist mir ein suspekter Verein. Außerdem bin ich ein toleranter Mensch – und daher für eine Abschaffung des Tanzverbotes und für eine Streichung von Abschnitten, wie ich sie oben aus dem Schulgesetz des Landes Baden-Württemberg zitierte. Religion ist eine Angelegenheit von allerhöchster Privatheit, meine ganz persönliche Entscheidung. Ich kann es nicht gutheißen, wenn andere Menschen, die nicht an meinen Gott glauben, dessen Gebote unter der Androhung von juristischen Konsequenzen einzuhalten haben.

Man tut sich als Deutscher leicht, sich über die Unterdrückung von Christen und anderen Minderheiten in muslimisch geprägten Ländern zu empören. Doch wie steht es um unsere Lebenswirklichkeit am siebenten April im Jahre des Herrn 2012? Willkommen im 21. Jahrhundert, willkommen in Deutschland.

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