Das persönliche Blog von André Reichelt

Es war irgendwann im Herbst oder Winter 2009, als ich mit ein paar Stammtischfreunden in Richtung Schwäbisch Gmünd unterwegs war, und wie das bei längeren Fahrten so ist, wurde natürlich auch über diverse Themen diskutiert. Irgendwann fiel ein Begriff, den ich bis dato noch nie gehört habe. Die Rede war von dem bedingungslosen Grundeinkommen. Interessiert fragte ich nach, worum es sich denn da handele, woraufhin mein Mitfahrer mir einen kurzen Abriss zu dem Thema gab. Er erwähnte, dass er sich innerhalb einer Arbeitsgruppe bei den Piraten mit dem Thema auseinandersetzen würde, allerdings mangels Zeit nicht zu tief in dem Thema verankert sei.

Für mich schien die Idee zunächst völlig wirr, die bekannten Vorurteile wanderten durch meine Gedanken. „Wie soll das denn funktionieren?“, fragte ich mich, und natürlich auch, wer das denn bezahlen solle. Doch die Bedenken gingen noch viel Tiefer: Ist es denn nicht ungerecht, einem Menschen einfach so Geld zu überlassen, ohne dass dieser sich für den Obolus auch bemüht und einer Arbeit nachgeht? Ich war verunsichert, doch das Thema blieb mir im Hinterkopf.

Erst viel später, als das Thema nach dem Bundesparteitag in Chemnitz wieder aktuell wurde, habe ich mich in der Not gesehen, mich mit diesem Thema näher auseinanderzusetzen. Ich habe Informationsquellen gesucht und gefunden und mit der Zeit klärten sich immer mehr scheinbare Widersprüche auf. Von einem Kritiker wurde ich immer mehr zu einem Befürworter eines BGE. In Offenbach schloss ich mich schließlich der Parteimehrheit überzeugt an und stimmte für das Ja zur offenen Debatte, zur Enquete-Kommission und zur Volksabstimmung.

Ich habe das Wort „eines“ oben bewusst kursiv gesetzt, denn dass nicht über ein konkretes Modell votiert wurde, hat mir die Entscheidung sehr erleichtert. Es kursieren derzeit mindestens doppelt so viele Modelle für ein BGE, wie ich Finger an den Händen habe, manche davon bis ins Detail durchgerechnet, andere eher als grobe Idee zu verstehen. Ich wollte daher diese Gelegenheit nutzen, um Anforderungen zu formulieren, die ich an ein bedingungsloses Grundeinkommen richten würde, ich möchte aber auch für mich offene Fragen in den Raum stellen, die meine verehrten Leser mir gerne beantworten dürfen.

Der wichtigste Faktor für mich ist, dass das BGE die Existenz in vollem Umfang sichert und ein ausreichendes Maß an sozialer Teilhabe ermöglicht. Ich beziehe mich ausdrücklich auf die vier Grundregeln, welche ein BGE ausmachen. Meinem persönlichen Gefühl nach müsste der Satz bei circa 700–800 Euro im Monat liegen. Kinder sollten in meinen Augen einen geringeren, an den Realbedarf angepassten und gestaffelten Betrag beziehen. Die Auszahlung hat dabei aber individuell zu erfolgen, die Anzahl der Kinder in einer Familie darf also weder zu deren finanziellen Vor-, noch Nachteil werden. Da Menschen im hohen Alter kaum noch die Kraft haben, ein zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften, könnte ich mir auch einen Rentnerbonus vorstellen, also einen erhöhten Betrag ab einem gewissen hohen Lebensalter, der jedoch nach wie vor unabhängig von der beruflichen Qualifikation bezahlt wird. Dies impliziert natürlich einen Wegfall der bisherigen Rentenkassen, wobei zugesicherte Renten über dem BGE-Niveau selbstverständlich nicht verfallen sondern garantiert ausbezahlt werden.

Einen entkoppelten Mietzuschlag lehne ich ab, da dieser kaum ohne eine Bedürftigkeitsprüfung gewährt werden kann. Außerdem ist mir die Datensparsamkeit ein wichtiges Anliegen; dem Staat geht es nichts an, wie viel Miete ich für meine Wohnung bezahle. Energie- und Wasserkosten sowie sonstige Gebühren, beispielsweise für die Müllentsorgung, sollen in das BGE mit einbezogen sein und ebenfalls von diesem bezahlt werden.

Vergleicht man die verschiedenen Modelle, so kann man diese vom Finanzierungsaspekt grob in zwei Gruppen teilen: Umsatzsteuer- oder Einkommenssteuerfinanziert. Ich habe lange geglaubt, dass nur Modelle der letzteren Gruppe wirklich gerecht sind, da ansonsten vor allen Dingen der Konsument, also der umgangssprachliche kleine Mann, bezahlt. Angeregt durch zahlreiche Diskussionen, die ich in den vergangenen Tagen und Wochen führte, und nicht zuletzt den Fernsehauftritt von Johannes Ponader bei Markus Lanz (ZDF) bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob dieser Glaube richtig war.

Die Vorteile einer rein mehrwertsteuerfinanzierten Lösung erschließen sich schnell, wenn man darüber nachdenkt: Es gibt aufgrund der Systemarchitektur keine Möglichkeit mehr, schwarz zu arbeiten oder Steuern zu hinterziehen. Das Steuersystem wäre derartig vereinfacht, dass ich für die Steuererklärung noch nicht einmal mehr einen Bierdeckel bräuchte – eine Sensation! Dabei ist das System allerdings durch das BGE nach wie vor progressiv und gleichzeitig transparent für jeden von uns, die bezahlten Steuern stehen auf den Cent genau auf dem Kassenzettel beziehungsweise auf der Rechnung.

Mich hat vorwiegend eine plakative Frage auf diesen Gedanken gebracht, die ich letztens in irgend einem Video zu dem Thema gestellt bekam: „Wer bezahlt eigentlich Ihre Lohnsteuer?“ – Was für eine grandiose Frage! „Ich natürlich!“, sagte ich mir, doch dann stutzte ich, denn meinen Lohn bezahlt mein Arbeitgeber. Wobei das auch nicht stimmt, denn der hat bekanntlich keine Gelddruckmaschine im Keller stehen, sondern gibt mir einen Teil seines Gewinnes weiter. Letztlich bezahlt meine Lohnsteuer also der Endkunde, der die Produkte seiner Firma kauft. Neben der gekennzeichneten Mehrwertsteuer von 19 Prozent des Kaufpreises bezahlt der Kunde also noch mindestens eine versteckte Steuer mit. Denkt man weiter darüber nach, bezahlt der Endkunde sogar alle Steuern, die auf dem langen Weg der Fertigung der gekauften Ware anfallen.

Wenn ich mir im Laden ein Produkt für einen Euro kaufe, zahle ich knapp 16 Cent Mehrwertsteuer. Es verbleiben noch 84 Cent, der Nettopreis. Doch in Wirklichkeit ist dieser Preis gar nicht netto, denn er enthält, wie eben geschlussfolgert, eigentlich noch einen erheblichen Anteil an Steuern, die der Produzent an mich weiter gibt. Ich kenne den Prozentsatz nicht genau, doch aus dem Gefühl heraus schätze ich, dass von den übrig gebliebenen 84 Cent noch einmal 40–50 Prozent weitergereichte Steuern sind. Schnell kommt man auf einen echten Steuersatz, der im mittleren zweistelligen Bereich liegen wird, und eben nicht die 19 Prozent, die auf dem Kassenzettel ausgewiesen sind.

Den ganzen komplexen Steuerapparat könnte man mit einem rein mehrwertsteuerorientierten Modell in Gänze einstampfen. Jeder wüsste genau, wie viel des bezahlten Kaufpreises an den Staat gehen, komplexe Steuerausgleiche wären nicht mehr nötig. Außerdem habe ich mir sagen lassen, wobei ich das nicht nachgeprüft habe, dass die Mehrwertsteuern monatlich an den Fiskus gehen, während Lohnsteuern nur jährlich abgerechnet werden. Dies würde, so der Verkünder, den Staat deutlich liquider machen.

Bei dem Konzept sehe ich aber dennoch Probleme: Ab einem bestimmten Lohnbetrag kann ich das eingenommene Geld nicht mehr ein zu eins ausgeben. Wer sein Geld also spart, statt zu konsumieren, profitiert auf Kosten derjenigen, die ihr monatliches Etat großenteils verkonsumieren. Außerdem sehe ich im Zuge der Globalisierung die Gefahr, dass viele Menschen hierzulande arbeiten würden, da ein Land ohne Einkommenssteuer attraktiv wirkt, den Konsum von vorwiegend teuren Luxusgütern aber im Ausland tätigen würden, wo es aufgrund der geringeren Mehrwertsteuer ein Sparfaktor wäre. Folglich hätte man also doch wieder eine Art Steuerhinterziehungsmodell.

Eine schöne Lösung ist mir bisher noch nicht eingefallen, nur, dass man beispielsweise alle Geldtransfers aus dem Land heraus voll besteuern könnte. Aber ob das die Lösung ist?

Wichtig wäre mir für ein BGE auf jeden Fall noch ein automatischer Inflationsausgleich; der Betrag sollte also Jährlich automatisch und ohne Zutun um die gemeldete Vorjahresinflation erhöht werden.

Ein Thema, das mir auch noch nicht ganz klar gelöst vorkommt ist das der regionalen Preisunterschiede. Alleine in meiner kleinen Welt, die sich vielleicht fünfzig Kilometer um meinen Wohnort herum ausbreitet, gibt es teils extreme Preisunterschiede bei den Konsumgütern, vorwiegend Lebensmittel und Benzin. Im beschriebenen Radius zeigt der Treibstoffpreis beispielsweise ein recht konstantes Ost-West-Gefälle von zehn bis 15 Cent; ein Schnitzel in der Wirtschaft kann gerne je nach Ort ein oder zwei Euro teurer sein. Interessant zu erwähnen ist vielleicht, dass die beide Scheren kurioserweise entgegengesetzt verlaufen, wobei dies ein anderes Thema ist, welches ich hier nicht vertiefen möchte. Offenbar haben die Franken aber lieber ein Schnitzel im Bauch als Kraftstoff im Tank …

Um aber auf das Thema zurück zu kommen: Mir fehlen noch konkrete Konzepte, wie man auf lokale Gegebenheiten angemessen reagieren kann. Macht man die Höhe des BGE vom Wohnort abhängig? Sorgt man anderweitig für eine Angleichung? Das würde mich interessieren.

Ich glaube jedenfalls, dass das BGE sowohl wirtschaftlich, wie auch gesellschaftlich einen positiven Wandel in Deutschland einleiten würde. Danach strebe ich.

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Kommentare zu: "Gedanken und Fragen zu einem bedingungslosen Grundeinkommen" (5)

  1. felixccaa schrieb:

    Hi André,

    super Beitrag – ich würde ihn vielleicht im oberen Bereich etwas kürzen, muss aber nicht.

    Die einzelnen Punkte, die mir so aufgefallen sind, möchte ich gerne mal kommentieren:

    <>

    Hier formulierst Du Deine erste innere Reaktion darauf und ich danke Dir für die Offenheit, Ehrlichkeit und den Mut, das hier mitzuteilen.

    Diese ist eine der häufigsten Reaktionen, die Menschen im ersten Moment dazu haben. Menschen in unserem Kulturkreis muss man dazu sagen, denn es ist ein tief protestantischer Gedanke, dass man sich seinen Platz im Himmel durch „Fleiss“, „Gehorsam“ und „Leistung“ „verdienen“ muss. Jedes dieser Wörter ist in Anführungsstrichen gestellt, weil es keinesfalls eindeutig ist, was denn als solches angesehen wird.

    Heutzutage gibt es aber einen Bezug, der sofort einleuchtet:
    wer jemals gezockt hat, hat immer auch Grundeinkommen erhalten. Sei es als Startkapital oder auch als fortlaufende Zahlung (Bsp.: Monopoly). Der einzige Grund das zu tun liegt darin, dass man ohne dieses Geld nicht mitspielen könnte.

    Und Spiele sind immer ein Trainingsfeld, sie simmulieren die Wirklichkeit in einem bestimmten Ausschnitt und geben uns Menschen Gelegenheit diesen speziellen Aspekt tiefer zu durchdringen.

    Und noch nie hat ein Mensch gefragt: „Ja, aber ist das nicht ungerecht, dass man am oberen Rand eine bestimmte Menge Ressourcen zur Verfügung hat, ohne sich die verdient zu haben?“

    Beim Spiel sind alle gleich. Und selbst Skat oder Schach hat so etwas wie ein BGE:
    jeder bekommt beim Skat die gleiche Anzahl Karten. Und die eigene Intelligenz bestimmt, wann welcher Wert aufgespielt wird, ob ich sehr früh oder eher spät meinen hohen Werte einsetze. Beim Schach hat man eine komplette Armee vor sich und zieht in die Schlacht. Im realen Leben müsste man erst eine Menge Aufwand betreiben, um diese Arme aufzustellen (Geld, Waffen, Soldaten, Ofiziersausbildung und nicht zuletzt die Bevölkerung bequatschen, dass der Einmarsch in Afghanistan „notwendig“ ist).

    Und erst durch das eigene aktive eingreifen in das Spiel zeigt sich, wer es denn besser beherrscht, das Regelwerk zu seinen Gunsten einzusetzen.

    Diese Situation ist mit einem BGE dann auch gegeben.

    Dass die MWSt die schnellste Steuerart ist, hat mir mein Steuerberater gesagt, der meinte, dass erst durch die Konsumsteuerfinanzierung der große Wurf gelänge, weil damit die Liquidität des Staates enorm erhöht würde. Wenn Menschen vor-„rechnen“, dass man fast 1 Billlion € brauchte, verkennen sie diesen Faktor völlig.

    Würde ich ein BGE einführen, dann brauche ich nur 80 Milliarden (ca. 1.000 € pro Nase) in die Hand zu nehmen. Ungefähr 40 Milliarden kommen ja innerhalb eines Monats wieder zurück. Ich brauche also für den Folgemonat nur noch weitere 40 einzuplanen (macht 120 Milliarden) und einen Monat später wieder ca. 40 (sind dann zusammen 160 Milliarden oder es bleibt bei 120, da die erste Hälfte vom ausgegebenen Geld ja nicht spurlos verschwindet). Und innerhalb von drei Monaten wäre das BGE installiert – zu Grunde gelegt sind hier 100 % MWSt. Wir hätten damit etwa eine Staatsquote von 50% (derzeit in Deutschland 47% – im Vergleich dazu Frankreich 56% s. http://de.wikipedia.org/wiki/Staatsquote).

    Als vorausdenkender Mensch würde ich also für drei Monate 1/4 Billion einplanen und das neue System würde ins Rollen gekommen sein.

    Entscheidend dabei ist der politische Wille. Dann können wir es sofort einführen.

    Ein weiteres Kriterium für die Konsumsteuerfinanzierung ist in meinen Augen, dass Einkommenssteuer Maschinenarbeit subventioniert und menschliche Arbeit verteuert – ziemlich unfair in meinen Augen und bevorzugt ausschließlich die, die das Investitionskapital haben, um sich Maschinen zuzulegen.

    Die Frage nach dem Konsum im Ausland hast Du interessanterweise selbst beantwortet:
    die regionalen Unterschiede führen bei euch ja auch nicht dazu, dass plötzlich die Gegenden mit den teureren Schnitzeln entvölkert werden … =)

    Die Preise werden sich verändern mit einem BGE – das scheint mir sicher zu sein. Aber gleichzeitig zu einer Reduzierung des bürokratischen Aufwandes stärken wir sowohl Familien, als auch ländliche Regionen. Beides scheint mir ein willkomener Nebeneffekt zu sein.

    Nun noch die letzte Frage mit der Inflationsanpassung:

    Diäten!

    Die Diäten werden regelmäßig im Parlament neu festgelegt. Was spricht eigentlich dagegen, das BGE jährlich im Parlament neu festzulegen? Und was spricht dagegen, Diäten an das BGE zu koppeln? Dann würde der/die KKanzlerIn in Vielfaches des BGE bekommen und allen wäre sofort klar, wer welche Privilegien für welche Arbeit erhält.

    Und damit sich das wirklich lohnt und unsere PalamentarierInnen gegenüber der Wirtschaft unabhängig sind, kann man den 20-fachen, 50-fachen oder 100-fachen Betrag des BGE wählen (der Faktor ist beliebig festsetzbar).

    Als letztes noch eine Anmerkung zum Wort „Arbeit“. Ist eigentlich das Erziehen von Kindern keine Arbeit? Wird ja schließlich nicht bezahlt. Die Pflege von Angehörigen, das bürgeschaftliche oder politische Engagement, selbst das Verfassen dieses Blogs und meiner Antwort. Ist das alles KEINE Arbeit? Auch mit einem Querverweis zum Urheberrecht.

    Ist es nich vielmehr so, dass wir auch jetzt hier in dieser Diskussion wichtige gesellschaftliche ARBEIT LEISTEN, nur leider niemanden finden, der uns dafür Geld gibt. That’s it. Geld „verdient“ man sich nämlich nicht, Geld generiert man, erwirtschaftet man – oder eben auch nicht. Manchmal entscheidet lediglich der Zufall darüber, ob ich mein Schnitzel teurer oder billiger verkaufen kann und dadurch mehr oder weniger wirtschafltihe Mittel generiere.

    Vielen Dank für die Ausdauer an die, die bis hierher weiter gelesen haben und für die Aufmerksamkeit.

    • Hallo Felix,
      danke für den sehr umfangreichen Kommentar, der mir einige Fragen beantwortet und an manchen Stellen neue Denkanstöße vermittelt hat. Je länger ich über das BGE nachdenke, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, dass es nicht nur aus sozialer Sicht eine enorme Errungenschaft wäre, sondern auch die Wirtschaft in Deutschland schlagfertiger als je zuvor machen würde. Bei derartig sinkenden Exportkosten um 30 oder 40 Prozent müsste sich selbst das Billiglohnland China warm anziehen; unsere Wirtschaft, die vorwiegend vom Export lebt, würde einen dauerhaften Boom erleben, den andere Länder, ohne nachzuziehen, kaum erreichen könnten. Selbst bei einer gesonderten Exportsteuer im niederen zweistelligen Bereich würden die Preise deutscher Produkte im Ausland massiv sinken, was die Nachfrage in die Höhe schnellen ließe.

      Die einzige Frage, die ich nach wie vor unbeantwortet sehe ist die mit dem Einkauf im Ausland. Klar lohnt es sich nicht, wegen dem Euro, den man pro Tank sparen könnte, eine halbe Stunde durch die Lande zu fahren. Wenn wir uns jetzt allerdings irgend ein beliebiges Luxusfahrzeug mit einem Nettokaufpreis von 80 000 Euro ansehen, dann würde dieses Auto beim heutigen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent 95 200 Euro kosten, beim neuen Steuersatz von angenommenen 100 Prozent aber schon 160 000 Euro. Es würde sich also ein Einspar- beziehungsweise Hinterziehungspotential von 64 800 Euro ergeben. Für diese Summe würde es sich lohnen, das Fahrzeug bei einem grenznahem Händler im Ausland zu kaufen und von dort nach Deutschland zu überführen.

      Hast Du eine Idee, wie man gerade in diesem Hochpreissektor derartigen Steuertourismus unterbinden kann, ohne gleich alle Grenzen dicht zu machen?

      Gruß
      André

      • Hallo André,

        die Antwort auf deine Frage »Einkauf im Ausland« findest du auf der Götz-Werner-Seite »unternimm-die-zukunft« unter »Fragen und Antworten«:

        „Wie stark steigen die Preise bei einer solch starken Mehrwertsteuererhöhung? Was ist mit der Inflation?“

        So weit ich das sehe, werden grenzüberschreitende Warenbewegungen auch weiter hin steuerlich erfasst. Es wird neben der Mehrwert(Konsum)-steuer noch etwas anderes geben (Zoll?), wenn die Besteuerung in den Ländern verschieden ist.

        http://www.unternimm-die-zukunft.de/de/zum-grundeinkommen/fragen-und-antworten/

        Mit Grüßen
        Thomas

      • Hm, ich habe es gerade nochmals durchdacht. Wir hatten im Jahr 2011 eine Staatsquote von 45,6 Prozent (laut Finanzministerium). Wenn ich also ein Auto für 10’000 Euro kaufe, dann beträgt der reale Steueranteil (Mehrwertsteuer 19 Prozent plus weitergegebene Steuern des Herstellers) 4’560 Euro. Der Nettopreis läge bei 5’440 Euro. Wenn man nun alle sonstigen Steuern abschaffen würde, dann könnte ich das Auto für diesen Betrag kaufen. Wenn man jetzt die Mehrwertsteuer auf 100 % erhöht, dann kostet das Auto 10’880 Euro.

        Das bedeutet also, man müsste den Mehrwertsteuersatz auf 83,82 setzen, damit der Preis bei 10’000 Euro bleibt. Den für Lebensmittel müsste man im Verhältnis von 7 auf 30,88 Prozent erhöhen, damit es zum Nullsummenspiel wird.

        In diesem Fall müsste man allerdings auch sämtliche Bruttolöhne und Bruttoverkaufspreise per Gesetz um die wegfallende prozentuale Steuerlast für den Arbeitgeber bzw. Hersteller senken. Für den Arbeitnehmer würde sich am Nettogehalt allerdings nichts ändern, da er ab diesem Zeitpunkt auch keine Lohnsteuer mehr bezahlen würde und auch ein Teil der beziehungsweise sämtliche Sozialversicherungsbeiträge wegfielen.

        Wenn man das alles umsetzte, dann hätten alle Bürger vorher wie hinterher den selben Nettolohn und die Preise an der Ladentheke würden sich ebenfalls nicht ändern, trotz, dass der Steuersatz immens steigen würde. Auch der Industrie entstünden keine Nachteile, da sie zwar die Preise zu senken hätten, allerdings im selben Maße die Lohnausgaben und die Einkaufspreise sinken würden.

        Ich möchte allerdings betonen, dass ich in der Rechnung noch kein BGE berücksichtigt habe. Sie bezieht sich ausschließlich auf die Umstellung des Steuersystems auf reine Verbraucherorientierung.

        Weist mich bitte darauf hin, wenn ich mich irgendwo verrechnet habe oder sich ein Fehler in meinen Gedankengang geschlichen hat.

  2. excubus schrieb:

    Hallo André,

    schöner Artikel, der auch deine Gedankengänge ganz gut aufzeigt.
    Ich selbst habe auch eine Affinität zur Mehrwertsteuer aus den von dir genannten Gründen:
    Einfachheit, Relativierung von Schwarzarbeit, Datensparsamkeit und Bürokratiearmut.
    Allerdings kann ich mich mit diesem als Alleinsteuerkonzept noch nicht richtig anfreunden.

    Meiner Meinung nach müsste dazu eine Börsenumsatzsteuer und evtl. eine Finanztransaktionsteuer kommen um den Finanzmarkt, als Nebenmarkt, der heute gar nicht
    steuerlich belastet wird, hinzuzuziehen. Aus der Überlegung heraus, dass sparende Menschen mit einer Mehrwertsteuer immer Steuervorteile genießen, kam die Frage auf, wie man Menschen dazu motiviert Geld auszugeben. Dazu fällt mir z.B. eine Vermögenssteuer ein. Alternativ, damit müsste ich mich aber noch näher beschäftigen, gibt es auch die Idee des umlaufgesicherten Geldes. Wenn man aus ökologischen Gründen nicht das gesamte Geld in den Konsum umleiten möchte, gäbe es sicher auch die Möglichkeit Konzepte für eine einfachere Investitionskultur zu entwickeln (Stichworte: Crowd-Funding, Venture Capital, etc.). Meine Überlegung: Je stärker das Geld in Bewegung ist, desto mehr Wohlstand kann es generieren.

    Einige Anmerkungen zur Mehrwertsteuer:
    Die Preise unserer Waren müssen gar nicht wirklich steigen. Wenn einfach alle versteckten Steuern in die Mehrwertsteuer übertragen würden, dann wäre dieser Vorgang zunächst preisneutral. Klar ist, dass wir für ein Grundeinkommen Mehreinnahmen brauchen, wenn es in ausreichender Höhe ausgezahlt werden soll. Schön ist aber, dass, je stärker das Geld sich bewegt, die oben genannten Steuern (Mehrwert-, Finanzmarktsteuern) umso mehr Steuereinnahmen generieren.

    Ein weiterer schöner Effekt der Mehrwertsteuer: Diese Steuer macht an den Staatsgrenzen halt und wird nicht exportiert, anders als die versteckten Steuern. Zunächst einmal exportieren wir dadurch billiger. Andererseits bezahlen heute durch die versteckten Steuern alle Länder, die bei uns einkaufen unseren Staatshaushalt, unsere Sozialsysteme und unsere Infrastruktur mit. Mit der Mehrwertsteuer tun dies nur die Menschen, die wirklich hier leben. Aus dieser Sichtweise wäre diese Art der Besteuerung sogar gerechter. Außerdem bekämen wir einen großen Wettbewerbsvorsprung, da wir günstig exportieren können. Das heißt, entweder zwingen wir die anderen Länder zum Handeln und sie müssen diesem Modell nachziehen oder wir verteuern unsere Exporte mit einer Abgabe (vorbei ich nicht weiß ob Ausfuhrzölle überhaupt noch erlaubt sind).

    Soweit meine Überlegungen dazu. Das Thema interessiert mich auch brennend und ich bin auf die weiteren Kommentare gespannt.

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