Das persönliche Blog von André Reichelt

Archiv für Mai, 2013

Warum die Telekom Deutschland noch in die Rezession drosseln wird

Vieles ist schon gesagt worden zu den absurden Plänen der Deutschen Telekom, zukünftig ab der Überschreitung eines bestimmten Datenvolumens die Bandbreite bis zur Unkenntlichkeit zusammenzustreichen. Die bewährte Praxis aus den Datenfunknetzen soll nun also auch auf das DSL-Netz übertragen werden; die Flatrate wird zur Farce und die Telekom zur Drosselkom.

Was mir bei der Berichterstattung jedoch stets viel zu kurz kam, ist die volkswirtschaftliche Betrachtung dieses Vorgangs, denn jene Berichte, die ich gelesen habe, bezogen sich stets nur auf die Auswirkungen für den individuellen Privatnutzer. Man beachte, dass Firmenkunden ohnehin nicht von den Plänen der Telekom betroffen werden sein sollen.

Ich habe immer wieder Vergleiche mit einem Sportwagen gelesen, welches nach einer bestimmten, moderat langen monatlichen Fahrtstrecke nur noch maximal 1 km/h schnell fahren kann. Der Vergleich zeigt zwar die Absurdität, hinkt jedoch ein wenig.

Ich glaube, ich habe noch einen Besseren: Mittlerweile zahlt ja jeder brav seine GEZ-Gebühr seinen Rundfunkbeitrag an den ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice. Nebenbei, wer hat sich eigentlich diesen Namen einfallen lassen? Wie auch immer, stellen wir uns folgende Analogie vor: Jeder, der im Monat mehr als 30 Stunden fern sieht, bekommt ab dann nur noch Schwarz-Weiß-Bild, welches unscharf ist als hätte man eine Milchglasscheibe vor dem Fernseher montiert, und der Ton klingt wie aus dem Dosentelefon. Immerhin wäre die GEZ der ARD ZDF Deutschlandradio Beitragsservice bereit dazu, das Sehen der Tagesschau beziehungsweise von ZDF Heute nicht vom Stundenpensum abzuziehen – wie gnädig! Für günstige 5,39 € könnte man dann weitere 30 Stunden ungetrübter Fernsehzeit zubuchen.

Klingt das nicht weltfremd? Tja, doch genau das hat die liebe graue Post Deutsche Telekom AG jetzt vor.

Nun ist es natürlich leicht, die schiere Profitgier als Grund vorzuschieben à la Datendurchsatz runter, Gewinn rauf. Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Die Wahrheit ist nämlich leider ein wenig komplizierter!

Das deutsche Telefonnetz stammt, zumindest in Teilen, noch aus der Zeit des dritten Reichs. In jenen Tagen hat verständlicherweise noch keiner daran gedacht, dass in einer gar nicht all zu fernen Zukunft einmal farbige Fernsehbilder in gestochen scharfer Qualität mit Achtkanalton durch die dünnen Kupferkäbelchen geschickt werden sollen. Und wenn man bedenkt, dass der Farbfilm gerade einmal 110 und der Tonfilm 90 Jahre alt sind, dann ist dies auch nicht verwunderlich. Man war in jenen Tagen schon froh genug, wenn man mit einer anderen Person fernsprechen konnte, stand denn überhaupt irgendwo im Dorf ein Apparat zur Verfügung.

Doch zurück zum Thema: Das alte Kupferkabelnetz hat einen Nachteil: Die möglichen Bandbreiten pro Ader sind endlich. Und wer nicht gerade einen Verteiler unmittelbar vor der eigenen Haustür stehen hat, der darf sich über lange Ladebalken freuen. Bei VDSL mit 50 MBit/s ist dann selbst unter optimalen Bedingungen die Grenze des technisch möglichen und sinnvollen erreicht. DSL-Standards, die diese Bandbreite überbieten setzen dazu faule Tricks ein, die oft eine Behinderung für Mitbewerber oder andere Nutzer darstellen.

Dennoch versucht die Telekom krampfhaft, das letzte aus den alten Kupferkabeln herauszuholen. Das Problem ist nämlich, dass die Modernisierung des Netzes mit sehr hohen Kosten verbunden sein wird. „Sein wird“ deshalb, weil wir auf mittlere Sicht nicht darum herum kommen werden. Und hoch sind die Kosten, weil die so genannte letzte Meile, also das Telefonkabel vom Keller zum nächsten Verteilerkasten, ausgetauscht werden muss. Klar, dass das Aufreißen der kompletten Straße wie der Gärten nicht aus der Portokasse zu zahlen ist. Und wenn die Telekom heute ihr Netz modernisiert, dann werden in der Regel nur die beiden Endstücke getauscht, das patinierte Kabel bleibt jedoch an Ort und Stelle.

Das Problem ist nun, dass zwar der weltweite Datenverkehr zunimmt, die Netze der Telekom jedoch längst an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gefahren wurden. Die Telekom hat nun also zwei Möglichkeiten: Sie reduziert den Datenverkehr, oder sie steigert die Einnahmen, um das Netz ausbauen zu können. Die Drosselpläne sind das Ergebnis dieser Zwickmühle. Geplant ist eine Offensive an zwei Fronten: Zum einen die Reduzierung des Datenverkehrs durch künstliche Verknappung, sprich Drosselung der Leitungen, zum anderen das Angebot an Nicht-Wenignutzer, sich mit einen zusätzlichen Obolus am Netzausbau zu beteiligen. Zum Lohn wird das Netz dann bis zum Erreichen der nächsten Drosselstufe wieder in einen benutzbaren Zustand versetzt.

„Der Markt wird’s schon richten“, schreien jetzt wohl die Marktgläubigen. Und schon kommen die Ersten auf die Idee, mit den Füßen zu protestieren und einfach ihren Vertrag zu kündigen, um einen anderen Anbieter zu wählen. Das Spiel funktioniert jedoch nur bedingt, da, wie oben bereits erwähnt, das Telefonnetz in großen Teilen der Telekom gehört; alternative DSL-Anbieter mieten sich nur das Kabel. Und dadurch kann auch hier die Telekom Kraft eigener Arroganz die Mitbewerber durch Wuchermieten zur Handlung nötigen.

Mehrere parallele Datennetze unterschiedlicher Anbieter können auch nicht im Interesse des Kunden sein, denn für jedes Kabel müssen die komplette Straße wie auch sein Vorgarten aufgerissen werden. Das kostet Zeit, Nerven und vor allen Dingen Millionen Milliarden. Jedenfalls wird eines klar: Eine Firma, die zugleich ein Monopolnetz besitzt und betreibt, und zugleich als Internetdienstanbieter (ISP) auftritt, also Internetverträge anbietet, stellt eine Dualität dar, welche nicht im Interesse des Marktes und damit auch nicht in dem des Kunden ist.

Die Krux ist nun aber, dass ein Netzausbau unumgänglich ist, denn die deutsche Industrie ist zunehmend auf zuverlässige und breitbandige Datenverbindungen angewiesen, um ihren Betrieb aufrecht erhalten zu können. Immer mehr wird digitalisiert, der Datenverkehr steigt täglich. Und da auch der Kundenkontakt zunehmend über das Internet abgewickelt wird, kann nicht nur eine tadellose eigene Internetanbindung im Interesse der Unternehmen sein. Auch die Kunden am anderen Ende benötigen einen Zugang zum Netz, der nicht Mitte des Monats abgewürgt wird. Es wäre daher davon auszugehen, dass die deutsche Wirtschaft zunehmend von anderen Industrienationen abgehängt würde, die schon seit Langem große Summen in den Netzausbau und die Instandhaltung investieren.

Nun kann jedoch aus oben genannten Gründen keiner ernsthaft fordern, dass mehrere Anbieter parallele kabelgebundene Datennetze betreiben sollen. Aus meiner Sicht muss viel mehr sichergestellt werden, dass dieses quasi natürliche Monopol nicht missbraucht werden kann. Das Netz muss daher von der Telekom entflechtet werden und von einer neutralen Stelle verwaltet werden, die nicht an die unmittelbaren Gesetzen des Marktes gebunden ist. Gleichzeitig muss es aber ihr Interesse sein, das Datennetz stets in einem Zustand zu halten, der einer übermäßig erfolgreichen Volkswirtschaft wie der unsrigen gerecht wird.

Den Älteren unter meiner Leserschaft werden nun hoffentlich sofort grässliche Bilder einer grauen Vergangenheit mit einer noch graueren Post und einer Staats-Telekom in den Sinn kommen. Man erinnert sich an Zeiten, als man beim Wählscheibentelefon bestenfalls die Farbe auswählen konnte, und der Anschluss fremder Hardware mit der Todesstrafe bedroht wurde. Das kann also auch nicht unser Ziel sein.

Daher schließe ich mich der häufig zitierten Forderung: „Netze in Nutzerhand“, an! Konkret stelle ich mir darunter vor, dass die Nutzer des jeweiligen Netzes vor Ort eine Genossenschaft oder ein ähnliches Konstrukt gründen, um eigenverantwortlich ihr lokales Datennetz bereitzustellen. Nur ein derart dezentral organisiertes Netz kann sich optimal an die jeweils gültigen örtlichen Bedingungen optimal anpassen.

Auf den Ausbauplänen ganz unten steht häufig der ländliche Raum. Da erstaunt es kaum, dass bei den Einwohnern der kleinen Dörfer und Gemeinden der Ärger besonders groß ist, wenn dort die Drosselung ohnehin keinen Einfluss auf die Geschwindigkeit des Netzes hätte. Denn was der Gesetzgeber unter einem Breitbandnetz versteht sieht der gemeine Internetnutzer wohl eher als schlechten Witz an.

Mit gutem Beispiel voran gingen daher diverse kleinere Orte in Bayern, die von der Telekom kategorisch im Stich gelassen wurden. So haben die Gemeinden Oberhausen und Türkenfeld bereits im letzten Jahr ein eigenes Glasfaser-Ortsnetz finanziert und erfolgreich verlegen lassen. Einige weitere Orte planen oder bauen bereits eigene Ortsnetze. Und was der Kunde davon hat: 50 MBit/s synchrone Bandbreite (im Gegensatz zu DSL, wo das Hochladen von Daten in der Regel achtmal so lange dauert wie das Herunterladen), ein ISDN-Telefonanschluss sowie Digitalradio und Digitalfernsehen direkt aus der Glasfaser. Und das Ganze gibt es zu einem Preis, der unmerklich über den üblichen Verdächtigen liegt (Triple Play für knapp 60 €/Monat inkl. sämtlicher Grundgebühren).

Sollte die Telekom tatsächlich zur Drosselkom werden, statt endlich die Netze auf den Stand des 21. Jahrhunderts zu bringen, sehe ich schwere Zeiten auf den Konzern zukommen. Außerdem hoffe ich, dass der Staat rechtzeitig eingreift und Gesetze zur Netzneutralität erlässt um so einen Riegel vor jene Pläne der Telekom zu schieben, die eine Bevorzugung von Kooperationspartnern vorsieht. Dies würde jene nämlich gegebüber der Konkurrenz start übervorteilen. Eine derartige Marktverzerrung darf nicht stattfinden!

Advertisements

Über die SMV und Superdelegierte

Ich sitze hier gerade beim Bundesparteitag der Piraten in Neumarkt in der Oberpfalz. Es steht derzeit eine Stichwahl zur ständigen Mitgliederversammlung an und ich möchte an dieser Stelle nochmals die Gelegenheit nutzen zu erläutern, warum ich ein starker Verfechter der ständigen Mitgliederversammlung bin.

Viele gute Argumente wurden bereits genannt. Wichtig erscheint mir vor allen Dingen, dass eine breite Basis die Möglichkeit erhält, an unseren Entscheidungen teilzunehmen. Dabei wird immer wieder das Argument angeführt, dass jeder theoretisch die Möglichkeit hätte, an den Bundesparteitagen teilzunehmen. Eine Fahrgemeinschaft würde sich immer finden und es gäbe auch kein Problem, in der Halle zu schlafen. Faktisch wäre also die Teilnahme an Bundesparteitagen kostenlos, wenn man sich nur genug anstrengen würde.

Ich halte dieses erste Argument für falsch. In der Realität ist es nämlich so, dass oft vor allen Dingen Zeitgründe gegen die Teilnahme an Bundesparteitagen sprechen. Oft verlangen auch Fahrgemeinschaften, gerade, wenn es über längere Strecken geht, eine Kostenbeteiligung. Und die kostenneutrale Übernachtung in einer ausgewiesenen Halle zum Nulltarif ist nicht bei jedem Bundesparteitag möglich. Man ist im Zweifel also immer auf Almosen angewiesen, und bei vielen ist die Scham, diese zu erfragen zu hoch.

Es wurden noch viele weitere wichtige Argumente genannt, die ich hier ob der mangelnden Zeit natürlich nicht alle aufzählen kann. Ich möchte allerdings noch auf ein wichtiges Argument eingehen, welches immer wieder angeführt wurde.

Es geht um die Kritik an den Delegationen! Warum halte ich persönlich Delegationen für richtig und wichtig? Immer wieder wird die Behauptung angeführt, Delegationen würden zu undemokratischen Superdelegierten, also einer Art Diktatorenriege führen. Dies ist bei der aktuellen Umsetzung innerhalb des LiquidFeedback-Systems natürlich völlig korrekt. Wenn man allerdings ein paar Mechanismen einbauen würde könnte dieser Fehler ausgeräumt werden.

Ich glaube, dass Delegationen sehr wichtig sind, denn ich kann mir persönlich nicht zu jedem abgestimmten Thema eine qualifizierte Meinung bilden. Das ist im Rahmen meiner Zeitplanung und auch meines begrenzten Fachwissens nicht umsetzbar. Und wenn ich die Möglichkeit der Delegation nicht habe entsteht ein unwillkommenes Phänomen, dass ein sehr geringer Teil der (fachkundigen) Mitglieder der Piratenpartei ein Thema alleine entscheiden würde. Wahrscheinlich weiß ich noch nicht einmal, wer diese Personen überhaupt sind. Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor: Genau, der gleiche Mist wie bei Superdelegationen: Irgend eine Zeitelite oder besonders gute Redner, denen ich (wahrscheinlich) keine Kompetenz ausgesprochen habe, trifft Entscheidungen in meinem Namen.

Aber warum sind Delegationen dann die bessere Wahl? Immerhin habe dort nämlich die Möglichkeit, bestimmten Personen, die ich persönlich für kompetent und sachkundig erachte, mein Vertrauen auszusprechen. Statt einer anonymen Masse habe ich also in der Hand, wem das Stimmgewicht zufällt.

Es entstehen also durch ein Delegationssystem keine Nachteile für mich, jedoch mindestens ein Vorteil!

Mir ist das Problem der Superdelegationen dennoch bewusst, weswegen ich genau hierfür noch einen Vorschlag machen möchte. Lasst uns die Delegationen zeitlich begrenzen. Verfallen Delegationen nach beispielsweise drei Monaten automatisch, dann können Superdelegierte zwar nach wie vor entstehen, jedoch ausschließlich dann, wenn dies auch explizit so erwünscht ist. Es wird ein ständiges Eingreifen in das System erfordert, um Superdelegierten ihre „Macht“ zu erhalten.

Daher bitte ich Euch alle darum, gleich für die Online-SMV zu stimmen.

Bevor wir Fehler im System finden können, müssen wir zunächst einen Testlauf starten und das Programm an unsere Anforderungen anpassen. Ich hoffe, dass wir den Mut auch dazu aufbringen können, wie wir es bei vielen unserer Forderungen zuvor ebenfalls bewiesen haben. Es wäre äußerst schade, wenn wir gerade bei den Themen Beteiligung und Basisdemokratie nicht vorangehen, sondern unseren Mitbewerbern, wie den Grünen, vorsichtig hinterhertapsen!

Noch ein Hinweis: Dieser Beitrag wurde während der laufenden Versammlung geschrieben und konnte daher mangels Zeit und Konzentration nicht gegengelesen werden.