Das persönliche Blog von André Reichelt

Alles für umme!

Das Mindesthaltbarkeitsdatum machte in den vergangenen Wochen immer wieder laut von sich reden. Doch mit diesem hat dieser Artikel nur bedingt etwas zu tun, wohl aber mit der Haltbarkeit an sich. Eine jener Dinge, die praktisch kaum kaputt zu bekommen sind, sind Gerüchte. Einmal gestreut verbreiten sie sich wie ein Lauffeuer, Wüten durch die Landschaft und fordern deren Bekämpfer zu einem unerbittlichen Kampf heraus.

Verfolgt man die Nachrichten zur Politik sticht in letzter Zeit immer wieder eine Anschuldigung hervor: Die politischen Senkrechtstarter der Piratenpartei forderten und förderten eine so genannte Kostenlos-Mentalität. Also „Alles für umme?“

Was genau wird den Politpiraten vorgeworfen? Immer wieder gerne wird der kostenlose öffentliche Nahverkehr in den Raum geworfen. Fast noch beliebter ist das „unfinanzierbare“ bedingungslose Grundeinkommen, welches beim letzten Bundesparteitag den Weg ins Programm gefunden hat. Auch die Forderung nach einem besseren, deutlich erweiterten Schulsystem, vom Staate finanziert, trifft auf viel Gegenwind.

Doch so einfach ist die Wahrheit leider nicht. Auch dem letzten Piraten ist klar, dass nicht einmal der Tod kostenlos ist. Warum also fordert die Piratenpartei überall den kostenlosen Nahverkehr? Die Antwort ist einfach: Weil sie es nicht tun. „Hä? Aber das ist doch erst kürzlich in der XY-Zeitung gestanden! Und im Fernsehen haben die das auch gesagt!“

Und genau da wären wir bei dem Problem: Ob nun unbewusst oder beabsichtigt verbreiten viele Medien einen Irrtum. Tatsächlich war der Arbeitstitel dieses Gassenhauers tatsächlich irgendwann 2009 oder 2010 einmal „kostenloser ÖPNV“, daraus wurde dann aber schnell im Zuge der vergangenen NRW-Wahl der „ÖPNV zum Nulltarif“ und später dann der „fahrscheinlose ÖPNV“, wie er heute auch im Parteiprogramm als Positionspapier verewigt ist.

Ich möchte den Programmpunkt, der mit aus meiner Feder stammt, kurz erläutern: Langfristiges Ziel ist es, in ganz Deutschland den Nahverkehr nicht mehr über Fahrscheine sondern durch Abgaben zu finanzieren. Schon heute wird der ÖPNV größtenteils durch staatliche Subventionen getragen. Lukrativ sind nämlich für die Unternehmen der Personenbeförderung, allen voran die Bahn, nur die Fernverbindungen. Je nach Gemeinde oder Bundesland ist damit zu rechnen, dass nur 20–40 % der entstehenden Kosten durch den Fahrkartenerlös gedeckt werden; die Differenz wird mit Steuergeldern gedeckt.

Der Entwurf sieht nun vor, die kompletten entstehenden Kosten gemeinschaftlich zu finanzieren und dadurch auf die Fahrkarten und die komplette Infrastruktur drumherum zu verzichten. Wegfallen werden unmittelbar insbesondere die Betriebs-, Wartungs- und Anschaffungskosten der Automaten, die Materialkosten für die Fahrkarten an sich sowie die Kosten für die Fahrkartenkontrolleure. Nimmt man hier ein Einsparpotential von 10 % der Gesamtkosten an, so bleibt ein restlicher Finanzierungsaufwand von 10–30 % der Gesamtkosten übrig. Dieser Aufwand soll über eine Abgabe, also eine zweckgebundene Steuer, sowie gegebenenfalls über eine Kurtaxe für Touristen, wo es sich lohnt, finanziert werden.

Aus Erfahrungen mit bereits umgesetzten Modellen wie in der belgischen Provinzhauptstadt Hasselt ist bekannt, dass sich durch solch ein Konzept die Fahrgastzahlen vervielfachen. Dies erzeugt im logischen Schluss zunächst einen erhöhten Finanzierungsaufwand, da Neufahrzeuge angeschafft werden müssen. Gleichzeitig können aber dadurch auch die Taktzeiten reduziert werden, sodass der Bus nicht mehr nur jede Stunde sondern vielleicht alle 15 Minuten kommt. Dies macht die Verwendung des Nahverkehrs für alle attraktiver, es entstehen außerdem neue Arbeitsplätze. Langfristig, und dies ist nicht zu verachten, sinkt dadurch natürlich auch die Belastung der Verkehrswege, was neues Einsparpotential eröffnet, die Straßen werden leerer, die Abgasbelastung im innerstädtischen Bereich sinkt. Gegebenenfalls können langfristig sogar ehemalige Verkehrsflächen in den Zentren zu Fußgängerzonen umgewidmet werden, was die allgemeine Lebensqualität im Umfeld weiter erhöht.

Kostenlos ist das Ganze aber bestimmt nicht! Aufgrund des wahrscheinlichen Anstiegs der Nutzerzahlen ist sogar mit anfänglichen Mehrkosten zu rechnen, um die Anschaffung der benötigten Neufahrzeuge zu finanzieren. Die positiven Effekte werden dies erst nach einigen Jahren ausgleichen können.

Und das bedingungslose Grundeinkommen? Schlaraffenland? Denkste! Natürlich haben auch hier die Piraten nichts zu verschenken. Nun muss man zunächst ein mal wissen, dass es nicht ein BGE gibt; dies ist viel mehr ein Überbegriff für verschiedene Modelle. Konkrete Konzepte gibt es aus verschiedenen Lagern: Prominent ist beispielsweise Götz Werner als Vertreter der Wirtschaft oder auch Dieter Althaus von der CDU. Auch die Piraten entwickeln derzeit eigene Modelle. Eines haben alle Modelle mindestens gemeinsam: Das Geld zur Finanzierung wird nicht etwa herbeigezaubert sondern durch Steuern eingenommen. Wie hier konkret vorgegangen wird steht freilich auf einem anderen Blatt. So fordern die einen Modelle eine höhere Besteuerung von Einkommen oder Vermögen, die Anderen wiederum setzen am Mehrwertsteuersatz an und wieder andere Modelle kombinieren beide Ansätze oder gehen gar einen ganz anderen Weg.

Klar wird jedoch auch hier: Ein Schlaraffenland mit kostenloser Schokolade für jeden, wie ich letztens erst las, ist das nicht. Bevorteilt werden im Vergleich zum jetzigen System Geringverdiener, Sozialhilfeempfänger und diejenigen, die von heute auf morgen ihren Arbeitsplatz verlieren. Für Personen mit einem mittleren Einkommen wird sich kaum etwas ändern, da die Steuererhöhung das BGE auffrisst. Bezieher hoher Einkommen müssen mit erhöhten Abgaben rechnen.

Die Modelle unterscheiden sich außerdem darin, welche Leistungen sie einschließen. Hier gibt es von der Minimalanforderung (Ersatz von „Hartz IV“) kaum eine Grenze nach oben: Kindergeld, Krankenversicherung und Rente.

Eines sollte jedoch jedem klar sein, der über die Piratenpartei nachdenkt, ob nun wohlwollend oder feindselig: „Alles für umme!“ gibt es auch mit den Piraten nicht. Es macht einen Unterschied, ob man Dinge anders finanziert oder gar nicht finanziert. Ersteres fordern die Piraten, letzteres behauptet die Presse. Für das oben genannte Schulsystem gilt das im Übrigen ebenso, und gerade im Hinblick auf die Berichterstattung scheint bessere Bildung Not zu tun. Vielleicht versteht dann die nächste Generation der Journalisten auch den Unterschied zwischen fahrscheinlos und kostenlos.

Aktualisierung 17.04.2012: Link zum Wikipedia-Artikel über den fahrscheinlosen ÖPNV in Hasselt eingefügt. Danke an ichliebeinkognito und RAL.

Kritik und Diskurs

Ein Vorwurf, dem sich die Piraten in den letzten Tagen immer gehäufter stellen müssen ist, dass sie ständig in interne Streitereien verwickelt wären. Unlängst erst berichtete die Tagesschau über den „Brandbrief“ der Jungen Piraten, welcher der Partei die Duldung von Diskriminierung im Allgemeinen und Sexismus im Besonderen vorhält.

Bei den derzeit im Bundestag vertretenen Parteien wäre ein offener Brief mit solch schweren Anschuldigungen allemal eine Schlagzeile wert, doch wie steht es um die Piraten? Glaubt man dem Medienecho befindet sich diese Partei im Dauerstreit um Nichtigkeiten und verliert sich ständig im Detail, während die „wichtigen Themen unserer Zeit“ zu einer Randnotiz heruntergestuft werden.

Zunächst einmal fällt überraschenderweise auf, dass eine Partei, die in der Öffentlichkeit das genaue Gegenteil von Geschlossenheit repräsentiert trotzdem, und entgegen aller medialer Erwartungen, gewählt wird.

Dieses Phänomen zu erklären fällt jedoch noch vergleichsweise leicht, wenn man sich das derzeitige deutsche Politiksystem in seiner Gesamtheit zu Gemüte führt und zu verstehen versucht. Der Tenor der Etablierten ist geprägt von der Einheitsmeinung. Diskussion findet, wenn überhaupt, nur hinter allzu verschlossenen Türen statt und dringt nicht an die Öffentlichkeit. Durch die Fassade blickt nur das, was auch für die Außenwelt bestimmt ist: Eine geschlossene Meinungsäußerung, Phrasen, wie wir sie aus dem täglichen Politikbetrieb kennen.

Die Sollbruchstelle dieses Systemes ist der Ausnahmezustand „Streit“. Kommt es zu einem öffentlichen Diskurs, wie erst vor wenigen Monaten in der FDP, sind die Fronten sofort verhärtet und die Parteiführung schaltet auf Angriff wider den Rebellen. Sofort springt die Presse auf das Boot auf und inszeniert medienwirksam, rückt die Streithähne in das rechte Scheinwerferlicht, positioniert sich.

Die Öffentlichkeit nimmt das Auftreten der Piraten derweil als erfrischend und neu wahr. Eine Partei, die offen über Defizite spricht und neue Denkanstöße bietet hat man bisher selten gesehen. Dies ist wohl der wichtigste Grund, welcher derzeit für die durchgängig guten Umfragewerte verantwortlich ist.

Nun dürfte auch dem letzten Hinterhofjournalisten, der sich mit der Piratenpartei auseinandergesetzt hat, klar geworden sein, dass der Diskurs hier öffentlich stattfindet und nicht selten eskaliert und in einer Schlammschlacht endet.

„Kein Tag ohne sein #gate“, liest man so oder so ähnlich immer wieder auf Twitter. Selten geht es hier um echte Skandale; oft sind es nur Einzelne, die sich durch eine Äußerung eines Mitpiraten oder eines Medienteilnehmers angegriffen fühlen. Mobilmachen können die Piraten aber nicht nur bei Demonstrationen oder Petitionen, sondern auch bei der Zusammenrottung eines Mobs, der dann die gerade gekürte Sau durch’s Dorf treibt. Das Spiel geht in aller Regel zu Gunsten des Fackelschwingers auf.

Piraten lehnen Hinterzimmerpolitik ab – Diskurs findet öffentlich statt. Allerdings haben die Piraten nie behauptet, dass man sich auf dem Marktplatz duellieren muss, also geht man auf eine einsame Waldlichtung. Dort kann zwar jeder Interessierte dem Spektakel folgen, die meisten Außenstehenden kennen den Weg jedoch nicht. Letztlich ist Twitter genau diese Waldlichtung, die nur findet, wer danach sucht.

Dieser Umstand versetzt die Journalisten in eine äußerst bequeme Position, denn sie wissen einerseits, wo man nach der Lichtung suchen muss, andererseits finden sie im Dorfe aber auch Gehör. Je nach aktueller Stimmungslage und Gusto können sie so der großen Öffentlichkeit traute Einheit oder Hahnenkampf präsentieren. Außerhalb ihrer Waldlichtung haben die Piraten indes keine Medienhoheit.

Um sich zukünftig nicht mehr von den Medien auf der Nase herumtanzen lassen zu müssen bedarf es einiger Disziplin in der Partei. So ist es befremdlich, dass persönliche Fehden um private Nichtigkeiten gerne im Namen der Partei ausgetragen werden. Twitter und die diversen Mailinglisten sind jedoch keinesfalls der Ort, an dem diese Konflikte zu einem guten Ende geführt werden können. Aus persönlicher Erfahrung kann ich nur bestätigen, dass hier eine mündliche Aussprache oft unumgänglich ist, ob telefonisch oder, noch besser, Auge in Auge. Ich erachte es jedenfalls als Parteischädigend, wenn der private Streit über Parteimedien hinweg ausgetragen wird (und hier schließe ich ausnahmsweise auch Twitter mit ein).

Fernab privater Feindlichkeiten gibt es aber selbstverständlich auch den inhaltlichen Diskurs, der sogar unbedingt öffentlich auszutragen ist. Das eingangs genannte Beispiel ist hier exemplarisch. Aber auch hier ufert die Diskussion leider immer öfter in einen persönlichen Stellungskrieg aus. Jede Seite beharrt auf ihren Argumenten, keiner gibt nach, es kommt zu keinem Kompromiss. Die Folge: Stillstand.

Lieber wäre mir: „Wie machen jetzt das mit der sachlichen Diskussion!“

Wenn es die Piraten im direkten Kontakt mit dem potentiellen Wähler schaffen, diesen davon zu überzeugen, dass echter Meinungsaustausch und tatsächliche Kompromissfindung essenziell für eine Demokratie sind, dann kann und kein Handelsblatt und kein Innenminister Hermann mehr schaden. Wir müssen in der deutschen und europäischen Politik weg von der bedingungslosen Geschlossenheit und hin zur überlegten Entschlossenheit.

Starrköpfigkeit und Egoismus sind schlechte Berater für eine Gemeinschaftsaufgabe – und das ist die Politik nun einmal. Ich halte jeden einzelnen Piraten für intelligent genug, auf der Seite mit den stichhaltigeren Argumenten zu stehen. Ich lege ihm ans Herz, die eigenen Argumente dahingehend zu prüfen, ob sie sich auf das Thema oder den Diskutanten vis-à-vis beziehen. In letzterem Fall sollte man sich wohl überlegen, ob man sich nicht in einen Irrtum verrannt hat und an sachlichen Argumenten gar ist.

Den Medien mag es leicht fallen, Gezänke in den eigenen Reihen zu unserem Nachteil auszunutzen. Einen sachlichen Ideenaustausch auf, in und mit einer vernünftigen Basis werden sie aber nicht medienwirksam inszenieren können. Unsere Bürger sind keine Narren, die einen Konflikt nicht sauber in Streit und Diskussion scheiden können.

Lebenswirklichkeiten

Die Kirche entfremdet der Lebenswirklichkeit. Die Lebenswirklichkeit entfremdet der Kirche. Wir leben in einem Land, in dem sich rund sechzig Prozent der Menschen dem Christentum zugehörig fühlen – zumindest auf dem Papier, denn der Löwenanteil dieser wird sich wohl eher der Gruppe der Feiertagschristen zugehörig fühlen, also derer Menschen, die nur an Weihnachten und Ostern dem Gottesdienst beiwohnen. Jedes Jahr sinkt die Zahl der Kirchenmitglieder um einen halben Prozentpunkt. Dies lässt den Schluss zu, dass die Kirche in der Lebenswirklichkeit des Deutschen im 21. Jahrhundert eine immer geringere Rolle spielt.

Bis heute jedoch hat die Kirche das Recht, in die Lebenswirklichkeit auch Derjeniger vierzig Prozent der Deutschen einzugreifen, die sich ihrer nicht zugehörig fühlen. Die Meisten von uns vernehmen das vornehmlich positiv, denn über die christlichen Feiertage, die sich dadurch ergeben beschweren sich allerhöchstens Geschäftsleute, die an diesen Tagen ihre Betriebe geschlossen halten müssen. Durch Aktionen der Grünen und Piraten am vergangenen Karfreitag wurde jedoch eine Repressalie in das öffentliche Bewusstsein gerückt, welche vielen Leuten bisher nur beiläufig oder gar nicht bekannt war: Das Tanzverbot an den so genannten stillen Tagen.

Je nach Bundesland gestaltet sich dies recht unterschiedlich. Neben dem schieren Tanzen bleiben in manchen Bundesländern auch Volksfeste geschlossen oder es sind gar sämtliche musikalischen Darbietungen polizeilich untersagt. Außerdem herrscht offenbar mancherorts ein generelles Demonstrationsverbot.

Des Deutschen liebe Beschäftigung ist es, sich über die Defizite anderer Länder und deren Bevölkerung zu echauffieren. Gerne müssen hier die „Schurkenstaaten“ in Nahost als Sündenböcke herhalten, die von Allahs Hand rigide geführt werden. Was hat das mit unserer säkularen Demokratie zu tun? In wie vielen Ländern wird es wohl ein polizeilich durchgesetztes Tanzverbot geben? Man kann es an zwei oder drei Fingern abzählen, je nachdem, ob man Informatiker ist, oder nicht. Doch welche Länder sind das? Die USA vielleicht, wo den Kindern mit dem Paddle der Kreationismus eingeprügelt wird? Falsch gedacht! Zunächst einmal sind wir in der guten Gesellschaft unserer Schweizer Nachbarn. Als dritter im Bunde gesellt sich der Iran zu uns. Welche Ironie: Die Einen, die den Bau von Minaretten verbaten, die Anderen, die die Christen verfolgen und mittendrin der Deutsche Michel, dessen Land in seiner Schreckensphantasie ständig von der Islamisierung bedroht ist. Gottesstaaten geben sich die Klinke in die Hand!

Deutschland, ein Gottesstaat? „Aber wir haben doch die Trennung von Staat und Kirche!“, mag sich jetzt der Leser denken. Doch leider ist es damit nicht weit her, denn der Einfluss der christlichen Kirchen in Deutschland reicht bis in den letzten Winkel der Politik hinein. Dies fängt an bei dem Privileg der über das Finanzamt eingezogenen Kirchensteuer, welches nur für die großen Landeskirchen gilt, geht über die Einladung von Kirchenvertretern in Ausschüsse und Beratungsorgane und endet bei Formulierungen wie in der Landesverfassung Baden-Württembergs, in der Schüler „in Verantwortung vor Gott“ und „im Geiste christlicher Nächstenliebe“ zu fördern sind.

Sicher, auch das Argument der Kirchen muss hier seinen Platz finden, denn durchaus leisten auch diese ihren Dienst an der Gesellschaft, indem sie von staatlichen Zahlungen mitunter Kindergärten und andere soziale Einrichtungen finanzieren. Doch genau hier liegt die Crux, denn das Geld fließt vom Staate einerseits, von der Kirchensteuer andererseits an die Kirchen. Fallen diese Zahlungen eines Tages weg, wird unser Sozialsystem daran nicht zerbrechen, denn das Geld kann auch direkt und ohne Umweg über den Kirchensäckel in die Sozialeinrichtungen fließen, wohl aber werden die großen Landeskirchen ein ernsthaftes Finanzierungsproblem bekommen, wenn sie plötzlich ihre Gelder eigenständig eintreiben müssen. Und der Tag wird kommen, denn die Kirche entfremdet sich immer mehr von der Lebenswirklichkeit der Menschen – und die Menschen von der Kirche.

Ich spreche mich aus für eine umfassende Entflechtung von Kirche und Staat. Immer weniger Menschen in Deutschland fühlen sich dem Christentum verbunden – und ich halte es für eine Zumutung, diesen Menschen vorzuschreiben, sich an den christlichen Kalender und die kirchlichen Gebote zu halten. Wenn wir die aktuellen Zahlen linear approximieren, wird im Jahre 2030 jeder zweite Deutsche sich nicht mehr dem Christentum verpflichtet fühlen, dennoch hätte er sich diesem unterzuordnen.

Kein Gläubiger ist in der Pflicht, an einem Fastentag in die Diskothek zu gehen, Musik zu hören oder zu tanzen. Keinem gläubigen Wirt wird das Recht verwehrt, an Feiertagen seiner Konfession seinen Schankbetrieb aufrecht zu erhalten. Wäre man konsequent, müsste man am Karfreitag nicht nur das Tanzen verbieten sondern auch den Verzehr von Fleisch unter Strafe stellen und dies dann auch polizeilich forcieren. Die Freiheit des Einen reicht bis an jenen Punkt, an dem die die Freiheit der Anderen tangiert. Hier jedoch maßt sich eine Interessensgemeinschaft, bald auch eine Minderheit, an, über die Freizeitgestaltung Aller zu diktieren.

Ich glaube an etwas Höheres, bin Christ, doch die Kirche ist mir ein suspekter Verein. Außerdem bin ich ein toleranter Mensch – und daher für eine Abschaffung des Tanzverbotes und für eine Streichung von Abschnitten, wie ich sie oben aus dem Schulgesetz des Landes Baden-Württemberg zitierte. Religion ist eine Angelegenheit von allerhöchster Privatheit, meine ganz persönliche Entscheidung. Ich kann es nicht gutheißen, wenn andere Menschen, die nicht an meinen Gott glauben, dessen Gebote unter der Androhung von juristischen Konsequenzen einzuhalten haben.

Man tut sich als Deutscher leicht, sich über die Unterdrückung von Christen und anderen Minderheiten in muslimisch geprägten Ländern zu empören. Doch wie steht es um unsere Lebenswirklichkeit am siebenten April im Jahre des Herrn 2012? Willkommen im 21. Jahrhundert, willkommen in Deutschland.

Soeben habe ich vor dem Hintergrund des Rücktritts Wulffs folgenden Antrag an den Bundesvorstand der Piratenpartei Deutschland gerichtet:

Ahoi!
Ob des plötzlichen, wenn auch erwarteten Rücktritts unseres Bundespräsidenten und der Neuwahl, die spätestens (und vermutlich genau) am 18. März 2012, also in 30 Tagen, stattfinden wird beantrage ich hiermit, folgenden Beschluss möglichst zeitnah zu fassen:

Der Bundesvorstand der Piratenpartei führt eine Mitgliederbefragung über den Bundespräsidentschaftskandidaten seiner Partei durch. Hierbei kommt eine Technik zum Einsatz, die in der gebotenen Kürze der Zeit ein brauchbares und basisdemokratisches Ergebnis liefert.

Nicht mehr Teil des Antrages:
Ich bitte darum, die Umfrage möglichst schnell durchzuführen. Als Tool könnte ich mir beispielsweise LimeSurvey vorstellen. Im LQFB wurde in einer vergangenen Initiative vor ein paar Wochen bereits von der Mehrheit beschlossen, dass keine Personalentscheidungen dort getroffen werden. Es ist also ein Werkzeug von Nöten, welches die breite Parteibasis erreicht.

Neben den einschlägig diskutierten Kandidaten sollte es auch möglich sein, in einem Freitextfeld einen eigenen Wunschkandidaten zu nennen, der die gesetzlichen Anforderungen an den Bundespräsidenten erfüllt.

Sofern möglich und förderlich, bitte ich diesen Antrag als Umlaufbeschluss zu fassen, um so eine schnelle Durchführung zu gewähren. Da Eile geboten ist (andere Parteien haben ihre Kandidaten bereits festgelegt oder sind drauf und dran) sollte der Befragungszeitraum nicht zu lang angesetzt werden und das Ergebnis zeitnah bekannt gegeben werden.

Eine Verbindlichkeit der Umfrage habe ich in meinem Antrag bewusst nicht festgelegt. Ich bitte den Bundesvorstand darum, diese Entscheidung selbstständig zu treffen.

Mit freundlichen Grüßen
André Reichelt

Die Causa Wulff mit Schwerpunkt auf seinen Rücktritt werde ich in einem separaten Blogeintrag behandeln.

Der digitale Radiergummi

Und er ist wieder in aller Munde: Der digitale Radiergummi. Gemeint ist damit eine Möglichkeit für Internetnutzer, in der Vergangenheit veröffentlichte Daten aus dem Netz zu tilgen. Begründet wird diese Maßnahme oft mit einem propagierten „Recht auf Vergessen.“

Wir leben in einer sich ändernden Zeit, in einer Zeit mit achthundert Millionen Facebook-Nutzern, in der unzählige Menschen soziale Netzwerke verwenden und selbst intimste Fakten über sich hier vor der ganzen Welt preisgeben. Leichtsinnig werden hier gerne auch Daten verbreitet, die man im Nachhinein lieber schnell wieder in die ewigen Jagdgründe befördert haben möchte.

Die Verlockung ist daher groß eine Art Radiergummi zu entwickeln, mit dem man zu jedem Zeitpunkt jedwede veröffentlichte Information über sich wieder aus dem Selbigen tilgen kann. Doch so einfach diese Lösung scheint, so unmöglich ist deren Umsetzung!

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Unter den Netzbürgern ist es mittlerweile schon längst populär geworden, ein eigenes Blog zu pflegen. Irgendwann vor ein paar Jahren habe ich mit dem Twittern begonnen, anfangs als gelegentliche Freizeitbeschäftigung, heute jedoch als fester Bestandteil meines Alltagslebens. Doch so manches Thema, zu welchem man sich äußern möchte, lässt sich nur schwer in 140 Zeichen beschreiben. Oft habe ich daher schon darüber nachgedacht ein Blog einzurichten, welches mir die Möglichkeit gibt, ohne diese Beschränkung meine Meinungen und Ansichten in die Welt hinaus zu tragen. Doch bisher fehlten mir dazu stets das Durchhaltevermögen und der Mut. An den technischen Fertigkeiten sollte es weiß Gott nicht scheitern, habe ich doch in der Vergangenheit bereits mehrere WordPress-Blogs gewartet und gepflegt. In regelmäßigen und kurzen Abständen Inhalte zu produzieren ist jedoch eine ganz andere Aufgabe.

Es gibt so vieles, über das man schreiben kann. Jeden Tag mindestens ein Dutzend Vorlagen, die man aufzugreifen vermag. Sind es doch so viele Dinge, über die man nachdenkt, über die vielleicht, nein, wahrscheinlich sogar Andere nachdenken. Manchmal möchte man genau diese Themen nach außen tragen und Andere an seinen Hintergedanken teilhaben lassen. Hintergedanken hat man bei vielen Dingen, die man tut, bei unzähligen Ereignissen, die im Laufe der Zeit passieren, bei Herausforderungen, die man zu bestreiten hat. Meine eigenen Hintergedanken zu den Themen, die mich bewegen, möchte ich in Zukunft an dieser Stelle niederschreiben.

Das Themenspektrum ergibt sich aus meinem Leben, meinen Interessen und meinen Gedanken. Politik, Technik, moderne Medien und meine Liebe zur Typographie werden dieses Blog prägen. Vielleicht tun sich aber in Zukunft auch ganz andere Themen auf; wir werden es dann erfahren.

Ich bin nun seit dem Jahre des Herrn 2005 im Netz unterwegs. Die Einweihung meines Blogs bedeutet mir persönlich – nach solch einer langen Zeit – eine ganze Menge, weswegen ich nicht minder große Worte wählen möchte als diejenigen des Altkanzlers und damaligen Vizekanzlers Willy Brand, der am 25. August 1967 um 10:57 Uhr »gewissermaßen den Startschuss für das deutsche Farbfernsehen« gab.

Und daher gebe nun auch ich gewissermaßen den Startschuss für mein erstes Blog: Hintergedanke.